Wozu Linguistik?

Der Albtraum platzt mitten ins Projekt: Man ist schon mitten in der Übersetzung, einige Bücher sind auch schon überprüft und eigentlich fertig – da wird deutlich: Die Rechtschreibung ist missverständlich! Sieben Vokale der betreffenden Sprache lassen sich durch je einen Buchstaben schreiben. Aber diese reichen nicht aus, da es eigentlich neun Vokale klar voneinander zu unterscheiden gilt. Mit andern Worten, der Buchstabe <i> bildet zwei ungleiche Laute ab: sowohl ein [i] als auch ein [i]. Deswegen sind Missverständnisse vorprogrammiert, massenweise! Jetzt heisst es, schleunigst die ganze Rechtschreibung neu zu überarbeiten. Ist das wirklich nötig? Unbedingt. Damit alle Wörter richtig geschrieben oder vielmehr richtig gelesen werden können.

«Einheimische Bibelübersetzer in Linguistik zu unterrichten, war meine Hauptaufgabe während unseres Aufenthalts in Afrika, vor allem in Burkina Faso», berichtet Lukas Neukom.

Diese Übersetzer haben am Anfang ihrer Arbeit eine Reihe von Kursen zu besuchen, die aufeinander aufbauen: Im ersten geht es um die einzelnen Laute und deren optimale Wiedergabe in Form von Buchstaben. Ziel ist, eine gute Rechtschreibung festzulegen: der erste Schritt hin zur Entwicklung einer eigenständigen Schriftkultur.

Dafür braucht es gründliche Analysen. Die Aussprache von mindestens 1000 Wörtern muss exakt notiert werden. Anhand von Wortpaaren oder Wortgrüppchen wird durch sorgfältiges Vergleichen ermittelt, welche Sprachlaute jeweils für welchen Bedeutungsunterschied ausschlaggebend sind und daher auch beim Schreiben je einen Buchstaben bekommen müssen.

«Bei allen Kursen ging es darum, dass die Leute ihre Sprache selbst entdecken sollten», betont Lukas. «Ich half ihnen dabei, die Regeln zu erkennen, nach denen ihre Sprache aufgebaut ist, indem ich gezielt Fragen stellte. Bei jeder ihrer Antworten überlegte ich, ob die Regel, die sie gerade herausgefunden hatten, wirklich den bereits erhobenen Sprachdaten entsprach.»

Mehr Klarheit in Sachen Grammatik bringen auch Fragebögen, die wie im folgenden Beispiel auszufüllen sind (die Sätze rechts stammen aus dem Sissala in Burkina Faso):

  1. Er kommt nach Hause ________ uú kó jaa.
  2. Er wird nach Hause kommen ________ u sí ko jaa.
  3. Er ist nach Hause gekommen ________ u kó jaa.
  4. Er arbeitete und kam nach Hause ________ u túŋ a kó jaa.
  5. Er kommt nicht nach Hause ________ u wi jaá kó.

Die kurzen Sätze rechts sind miteinander zu vergleichen, um herauszufinden, welches Wörtchen was bedeutet: Die Bedeutung ‹Zukunft› etwa (vgl. Satz 2) steckt in welchem Wort?

«Besonders spannend sind Textanalysen», findet Lukas, «denn in diesen zeigt sich am deutlichsten, warum es die Linguistik für die Übersetzung braucht.» Grundsätzlich sollte eine Übersetzung nicht nach Übersetzung «riechen», sondern so natürlich klingen, als sei sie in der Zielsprache verfasst worden. Dabei müsste jede grammatische Form (z. B. die Vergangenheitsform) sowie jedes grammatische Wort (z. B. ‹und› oder ‹damit›) in einer Übersetzung dieselbe Bedeutung und Gewichtung haben und etwa gleich oft auftreten wie in einem natürlichen Text, der direkt in der Zielsprache verfasst wurde.

Bild: Säuberlich nach Silbenanzahl sortierte Wörter, in Kuverts gesammelt (N = Nomen, V = Verben)