Fragen und Antworten zu Medienberichten

2014 strahlte das Schweizer Fernsehen eine Sendung über Christina Krüsis Buch „Das Paradies war meine Hölle“ aus. Mehrere andere Medienberichte folgten seither. In diesem Zusammenhang wurden uns verschiedene Fragen gestellt, die wir hier beantworten.

Allgemeine Fragen

Welchen Eindruck haben die Medienberichte bei Ihnen hinterlassen?

Wir gratulieren Christina Krüsi zu ihrem Mut, sich den Traumata ihrer Kindheit zu stellen. Gerade der Film zeigt eindrücklich, wie schwierig dies für Opfer solcher Übergriffe ist.

Wie können solche Greueltaten „im Namen Gottes“ geschehen?

Solche Greueltaten können nicht im Namen Gottes getan werden. Der Name Gottes wurde von den Tätern als Vorwand missbraucht.

Wie stellen Sie sich zum Vorwurf, dass die Vorfälle nicht lückenlos untersucht wurden?

Als die Vorfälle ab 2003 bekannt wurden, hat unsere Partnerorganisation umgehend eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Bei dieser Untersuchung wurden in über 200 Interviews sämtliche Personen befragt, die zum Zeitpunkt der Übergriffe in Tumi Chucua tätig waren.

Allerdings konnte gegen die Täter nicht mehr rechtlich vorgegangen werden, da bei Bekanntwerden der Taten diese bereits verjährt waren.

Was sagen Christina Krüsis Eltern zu diesen Vorfällen?

Das persönliche Statement von Martin und Dorothee Krüsi wurde von einem Publikum einseitig interpretiert, an das es nicht gerichtet war. Wir haben es deshalb von unserem Server genommen.

Wie stellt Wycliffe sicher, dass sich Derartiges nicht wiederholt?

Aufgrund der Vorfälle in Bolivien hat Wycliffe umfassende Kinderschutzmassnahmen getroffen. Diese beinhalten auch ausführliche Schulung und Sensibilisierung im Kinderschutz.

Wie erklären Sie sich, dass diese Vorfälle so lange unbemerkt blieben?

Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft in Tumi Chucua war sehr familiär und intensiv. In den 70er-Jahren war man für das Thema Kindsmissbrauch kaum sensibilisiert. In diesem Kontext konnten allfällige Verdachtsmomente nicht richtig eingeordnet werden.

Ist alles wahr, was Christina Krüsi in ihrem Buch und was die Medien über Sie berichten?

Christina berichtet aus ihrer Erinnerung von dem, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat. Dazu können und wollen wir uns nicht äussern. Die Medien berichteten grösstenteils ohne Rücksprache mit uns.

Die Opfer

Gibt es eine offizielle Entschuldigung von Wycliffe bei den Opfern?

Unsere Partnerorganisation SIL, unter deren Verantwortung die Schule in Tumi Chucua geführt wurde und die auch die Aufarbeitung der Übergriffe leitet, hat sich bei allen Opfern persönlich entschuldigt. Wycliffe Schweiz schliesst sich dieser Entschuldigung ohne Einschränkung an.
Wycliffe Schweiz hat in einem Brief tiefstes Bedauern gegenüber Christina Krüsi ausgedrückt. Der Brief wurde vom Vereinspräsidenten, vom Leiter von Wycliffe Schweiz sowie von der damaligen Personalverantwortlichen unterschrieben.

Wurden die Opfer entschädigt?

Es fanden Zahlungen statt. Alle Opfer wurden zu Aussprachen (Debriefings) eingeladen; es wurde ihnen psychologische Hilfe ermöglicht sowie finanzielle Hilfe für Weiterbildungen gewährt.

Die Täter

Welche Verbindungen bestehen zwischen Wycliffe Schweiz und den Tätern?

Keiner der Täter war jemals Mitarbeiter von Wycliffe Schweiz. Sie wurden von anderen, nicht-schweizerischen Partner-Organisationen nach Bolivien entsandt.

Arbeiten die Täter noch bei Wycliffe?

Als die Übergriffe bekannt wurden, arbeitete keiner der Täter mehr bei Wycliffe. Unsere aktuellen Richtlinien zum Kinderschutz bewirken, dass überführte Mitarbeiter fristlos entlassen und angezeigt werden.

Wie wurde mit den Tätern umgegangen?

Die Täter wurden mit den Vorwürfen konfrontiert. Ihre Namen und die ihnen vorgeworfenen Taten wurden den zuständigen Behörden in ihrem Heimatland mitgeteilt.

Wurden die Täter angeklagt?

Es ist für uns einer der frustrierendsten Aspekte dieser Angelegenheit, dass wir rechtlich gegen die Täter nichts unternehmen können. Bei Bekanntwerden waren die Taten verjährt und wurden in einem anderen Land begangen als dem Wohnsitzland der Täter.

Hat Wycliffe sogenannte «Statements of Finding» von jedem Täter, die bestätigen, dass die Missbrauchsvorwürfe stimmen?

Nach Bekanntwerden der Vorfälle hat unsere Partnerorganisation SIL (der die Wycliffe-Mitarbeiter im Ausland in der Regel unterstellt sind) umgehend eine Untersuchung eingeleitet. Wycliffe Schweiz war daran nicht beteiligt. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in mehreren «Statements of Finding» festgehalten; diese werden bei unserer Partnerorganisation SIL aufbewahrt.

Der Kinderschutz

Kamen Ihre Kinderschutzmassnahmen zur Anwendung in diesem Fall?

Als die Opfer vor 10 Jahren zu reden begannen, gab es die Kinderschutzausführungen noch nicht. Sie wurden erst aufgrund der Missbrauchsfälle in Bolivien aufgebaut und in Kraft gesetzt.

Die Missionsbasis Tumi Chucua

Wie muss man sich eine Missionsbasis vorstellen wie Tumi Chucua? Wozu diente sie?

Die Übersetzer arbeiteten in 13 Sprachgruppen verteilt über ganz Bolivien. Dort lebten sie äusserst einfach und nur für wenige Wochen oder Monate am Stück. Den Rest der Zeit verbrachten sie auf der Basis. Dort gab es eine Schule für die Kinder, einen Laden, ein Versammlungsgebäude, Sanitätsposten, Werkstätten und einen technischen Dienst.

Wieviele Menschen lebten auf der Basis? Welche Nationalität hatten sie?

Auf der Basis lebten die Übersetzer und ihre Familien sowie Unterstützungspersonal: Lehrer und Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Techniker, Drucker, administratives und medizinisches Personal. Alles in allem lebten in Tumi Chucua jeweils zwischen 40 und 60 Erwachsene und 25 bis 30 Kinder. Die meisten waren US-Amerikaner, daneben gab es einige wenige europäische Nationalitäten.

Wann wurde die Basis erstellt? Gibt es sie noch?

Die Wycliffe-Arbeit in Bolivien begann 1953 und wurde 1984 den bolivianischen Behörden übergeben. Die ehemalige Basis funktioniert heute als normale politische Gemeinde.

Werden solche Basen heute noch erstellt?

Nein. Sie sind ein Relikt aus der Gründungszeit von Wycliffe.