Braucht es Grammatik?

Im traditionellen Fremdsprachenunterricht werden vom ersten Tag an Grammatikregeln gelehrt. Manche Lernenden sprechen gut darauf an, viele andere empfinden es als langweilig, trocken und kompliziert. Die grammatikalischen Fachbegriffe (wie Verb, Nomen, Akkusativ, Futur, Imperativ und dergleichen) und das Auswendiglernen von Regeln haben viele von uns in schlechter Erinnerung. Es hat uns nicht wirklich geholfen, Englisch oder Französisch verstehen und sprechen zu lernen, und es hat auch keinen Spass gemacht.

Allerdings gehört die Grammatik zur Sprache genauso wie die Regeln zum Fussballspiel. Wenn jeder die Wörter so aneinander reiht, wie er gerade Lust hat, dann wird Kommunikation schwierig. Mit anderen Worten, Grammatik muss auf irgendeine Art vermittelt werden. Aber wie?

Wir sind überzeugt davon, dass die Grammatik am besten innerhalb von Versteh-Übungen vermittelt und gelernt wird. Ein Beispiel: Es gibt Sprachen, in denen das Verb immer am Ende des Satzes steht. (Im Deutschen ist dies nur im Nebensatz der Fall.) Wenn wir die Lerngruppe einer grossen Zahl von Sätzen aussetzen, die sie verstehen können, bekommen sie die deutsche Wortstellung ganz „von selbst“ mit und wenden sie auch korrekt an, sobald sie selber zu sprechen beginnen. Auf die gleiche Weise lernt ein Kind seine Muttersprache, ohne dass es Grammatikunterricht bekommt. Wenn wir dagegen einer Anfängergruppe zu erklären versuchen, dass das Verb im Deutschen direkt nach dem Subjekt kommt, und womöglich gleich noch die Regeln für die Nebensätze dazufügen, dann verstehen sie vermutlich nur Bahnhof. Oft haben wir ja auch gar keine gemeinsame Sprache, in der wir die Regeln erklären könnten.

Wenn zu einem späteren Zeitpunkt bestimmte Grammatikfehler zum Problem werden, kann man diese angehen, indem man Versteh-Übungen erfindet, die diesen grammatischen Aspekt in den Mittelpunkt rücken. Wenn die Lernenden die korrekten Formen viele Male in einem verstehbaren Zusammenhang gehört haben, werden sie sie schliesslich auch korrekt anwenden.