Cameron Townsend - Fortsetzung
Er war überzeugt, dass ein sorgfältiges Studium der Sprache eines Volkes und ein durch die Sprache vermittelter Einblick in die Hoffnungen und Bestrebungen der Menschen von besonderer Bedeutung ist. Aber ein wissenschaftliches Studium, das den Forscher nur interessiert, weil er möglichst viele Daten über die Volksgruppe sammeln will, ohne ihr zu helfen ihre eignenen Ziele zu erreichen, mag wohl einen gewissen Wert für die Wissenschaft haben, doch wird dadurch der Wert des Menschen selbst ausser Acht gelassen.
Townsend war fest davon überzeugt, dass die wissenschaftlichen Kenntnisse gebraucht werden sollten, um Menschen eine Auswahl von Hilfsmitteln anzubieten, die ihr Dasein verbessern können. Ausserdem lehrte er seine Mitarbeiter, dass wenn eine kleine Volksgruppe nicht ihren Platz in einer Welt des Umbruchs findet und durch Entwicklungshilfe etwas von der Weisheit der Menschheit profitiert, sie in Teilnahmslosigkeit und Verzweiflung versinken kann.
Townsend glaubte auch, dass für ein ausgewogenes Programm für kleine Volksgruppen eine geistliche Komponente entscheidend ist. Naturreligionen, die man als die Suche der Menschen nach einer Erklärung des Lebens und der Welt definieren kann, machen deutlich, dass alle Völker ein tiefes, nicht erfülltes geistliches Sehnen haben. Er glaubte, dass man bei dem Versuch, kleinen Volksgruppen zu helfen, diese geistliche Dimension in Betracht ziehen müsse. Es mag sein, dass solche Bestrebungen nicht in jedem Fall angebracht sind, aber für eine private Organisation sind sie durchaus passend. Solch eine Organisation kann sich sowohl den Aufgaben wissenschaftlicher Forschung als auch einem praktischen Dienst und einer geistlichen Orientierung widmen. Diese dreiteilige Vision hat Townsends Weg bestimmt.
Townsend wurde 1896 in Kalifornien geboren. Als Student am Occidental College empfand er das Bedürfnis, sich in einem geistlichen Dienst in Zentralamerika zu betätigen. Als Grundlage seines Lebens hatte er das wichtigste Dokument der westlichen Kultur, die Bibel, für seine geistliche Ausrichtung gewählt. Townsend ging nach Zentralamerika, um dieses Buch den dort lebenden Menschen zugänglich zu machen. Als er sich mit der zahlreichen Indianerbevölkerung befasste, sah er, dass er sich ausser auf geistlichem auch auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiet betätigen musste. Deshalb liess er sich mit seiner Frau Elvira unter den Cakchiquelindianern von Guatemala nieder. Dort begannen sie, mit grossem Eifer die ungeschriebene Indianersprache zu lernen. Im Jahr 1926 veröffentlichte Townsend eine Strukturanalyse des Verbsystems der Cakchiquelsprache und wurde dadurch einer der Ersten, denen es gelang, das komplizierte Verbsystem einer Indianersprache zu analysieren. Vorher hatten alle, die es unternahmen, die Sprachen der Indianer Amerikas zu analysieren, auf Grund ihrer europäischen Vorbildung ihre Analyse in die Formen der lateinischen Struktur zwängen wollen. Prof. Sapir, einer der grossen Sprachforscher jener Zeit, lehrte, dass jede Sprache ihrer eigenen Struktur entsprechend beschrieben werden müsse und lobte Townsends Arbeit. Ein Teil der Arbeit am Verbsystem des Cakchiquel wurde unter dem Titel "Comparaciones Morphológicas entre Cakchiquel y Nahuatl" in Investigaciones Lingüísticas (1937, Nr. 4) veröffentlicht.
Als Townsend erfuhr, dass es noch andere Sprachen der Mayasprachfamilie gab, trug er sich mit dem Gedanken, durch weitere Studien die grammatischen Strukturen und phonologischen Systeme diese Sprachen miteinander zu vergleichen, um eine ursprüngliche gemeinsame Sprache zu rekonstruieren. Diese Gedanken haben später die Zielsetzung von SIL beeinflusst.
Während er mit der wissenschaftlichen Arbeit fortfuhr, fing Townsend gleichzeitig an, die kulturellen und praktischen Gesichtspunkte seines Traums zu verwirklichen. Er schuf ein Alphabet für die Cakchiquelsprache, indem er es so weit wie möglich an das Alphabet der spanischen Landessprache anpasste. Er entwickelte eine besondere Methode des Leseunterrichts, die "Psychophonemische Methode" und schuf Lesebücher, in denen diese Methode angewendet wurde. Zu der Zeit war dies eine Neuerung des Leseunterrichts, in dem man nur eine begrenzte Zahl von Buchstaben in den ersten Lektionen gebraucht und nach und nach andere Buchstaben hinzufügt.
Um diese Lesebücher zu veröffentlichen, baute Townsend eine kleine Druckerei auf. Dann begann er mit Lesekampagnen für Erwachsene und Kinder in Zusammenarbeit mit den Dorfschullehrern. Er gründete mehrere Schulen für Indianerkinder, war ausserdem behilflich bei der Einrichtung einer kleinen Klinik und der Bildung einer Kaffeegenossenschaft und bei der Konstruktion von kleinen Dämmen für die Bewässerung des Landes. Er führte auch verbessertes Saatgut und bessere landwirtschaftliche Methoden ein.
Als geistlichen Beitrag übersetzte Townsend mit begabten Cakchiquel-Mitübersetzern das Neue Testament in die Cakchiquelsprache. Als kleine Gruppen zum Bibelstudium zusammenkamen, fanden sie auf den Seiten des übersetzten Neuen Testaments ein Gegengewicht gegen den Säkularismus der industrialisierten Welt, der unvermeidlich auf sie zukam.
Im Jahr 1931, im zweiten Jahrzehnt dieser Aktivitäten, hörte der mexikanische Pädagoge Professor Moisés Sáenz von Townsends dreifältigem Programm, als er durch Guatemala reiste. Er besuchte die Schulen, die Townsend gegründet hatte, und sprach mit Kindern und Eltern. Ihm gefiel der positive Einfluss auf die Kultur der Cakchiquelindianer, und er lud Townsend ein, auch in Mexiko eine ähnliche Arbeit anzufangen.
Die Verantwortung für die Arbeit in Guatemala erlaubte ihm damals nicht, die Einladung von Prof. Sáenz anzunehmen. Später erkrankte Townsend an Tuberkulose und musste nach Kalifornien zurückkehren. Aber während sich sein Gesundheitszustand besserte, machte er Pläne für eine zukünftige Arbeit in Lateinamerika. Er ging nach Mexiko, um die Möglichkeiten für ein Programm, wie es Prof. Sáenz vorgeschlagen hatte, zu erkunden. Er kam jedoch zu der Überzeugung, dass ein einzelner Mann in
den zahlreichen Sprachgruppen Mexikos wenig erreichen konnte. Trotz der grossen Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten wagte es Townsend, eine Art von Sprachschule ins Leben zu rufen, um junge Menschen zu rekrutieren und auszubilden, die später mit ihm arbeiten würden. So finden wir ihn im Sommer 1934 mit einem jungen Cakchiquel-Indianer und drei Studenten in einem verlassenen Farmhaus in Arkansas: Das war der Anfang des «Summer Institute of Linguistics». Die Studenten erhielten nebenbei auch eine Ausbildung im Leben in primitiven Verhältnissen. Als Sitzgelegenheit dienten gebrauchte Nägelfässer, die Händler ihnen geschenkt hatten. Die sprachwissenschaftlichen Methoden hatte Townsend während seiner Arbeit an der Cakchiquelsprache entwickelt, und der junge Cakchiquelindianer war eine unbezahlbare Hilfe, um die Theorie in die Praxis umzusetzen.
Wie schon erwähnt, waren es drei Studenten, die diesen ersten Kurs absolvierten. Im nächsten Jahr waren es fünf. Diesmal gab es Phonetikunterricht, in dem gelehrt wurde, wie man bis dahin unbekannte Laute identifiziert und beschreibt, und wie man ein dem Lautsystem einer Sprache entsprechendes Alphabet entwirft und es so weit wie möglich der Orthographie der Landessprache anpasst. Die Strukturen der amerikanischen Indianersprachen wurden mit denen der indo-europäischen Sprachen kontrastiert. Die psychophonemische Methode des Leseunterrichts wurde überarbeitet, und es wurde besonders auf ein einfühlsames Verständnis kleiner Volksgruppen und ihrer Kultur hingewiesen.
Im Herbst 1935 reisten Townsend, sein Frau Elvira und einige Studenten nach Mexiko, um ihre neue Arbeit zu beginnen. Townsends liessen sich in einem kleinen Aztekendorf nieder, das zwei Autostunden von Mexiko City entfernt in den Bergen lag. Neben Prof. Moisés Sáenz unterstützte auch der ehemalige Rektor der Landesuniversität von Mexiko, Dr. Mariano Silva y Aceves, der später Direktor des mexikanischen Instituts für Sprachforschung war, Townsend in den akademischen Phasen seines Programms. Der Arbeitsminister, Licenciado Genaro Vásquez, der sehr an dem kulturellen Programm für die Indianer interessiert war, liess Townsends Lesebücher für die Azteken drucken.
Der damalige Präsident von Mexiko, General Lázaro Cárdenas, hörte davon, dass Townsends in einem Aztekendorf lebten und besuchte sie dort. Er war neugierig, etwas über die sprachwissenschaftlichen Studien und die Lesebücher von Townsend zu erfahren. Besonders begeistert war er jedoch von den praktischen Hilfsprojekten, die Townsend bereits in Angriff genommen hatte. Der Präsident sah sofort die Notwendigkeit, diese speziellen Hilfsprojekte den Schulprogrammen der Regierung in Indianergebieten hinzuzufügen. Er ermutigte Townsend, soviel Personal wie möglich nach Mexiko zu bringen, um die ungeschriebenen Sprachen zu studieren und die Indianer nach seinen praktischen Regeln zu unterrichten.
Nach dieser Ermutigung konnten Townsends in den Vereinigten Staaten weitere junge Menschen rekrutieren und im Herbst 1936 mit einer grösseren Gruppe von Studenten nach Mexiko zurückkehren. Zu zweit gingen die Studenten in isolierte Dörfer Mexikos, um zu beginnen, bisher ungeschriebene Sprachen zu erlernen. Zur gleichen Zeit wurden in Tetelcingo, wo Townsends arbeiteten, dem Unterricht der Grundschule praktische Hilfsprogramme hinzugefügt, z.B. die Anlage einer Orangenplantage und Nähkurse für Frauen. Alles, was sie taten, wurde mit Regierungsbeamten abgesprochen, die von Präsident Cárdenas zu dieser Zusammenarbeit beauftragt worden waren.
Townsend hatte grossen Respekt vor den Menschen, mit denen er über 60 Jahre lang arbeitete. Er war gerne bei ihnen und hörte auch gerne ihre Meinungen. Fast von Anfang an hatte er Freunde unter allen Schichten der Bevölkerung. Ihn kannten 42 Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt, viele Minister, Wissenschaftler, Pädagogen, Reiche, Arme, Katholische, Evangelische, Kommunisten. Er hatte sie alle als Menschen gern und versuchte, allen zu dienen.
Während eines Besuchs von Präsident Cárdenas in Tetelcingo meinte ein Azteke über Townsend: «Er behandelt uns genau so wie er den Präsidenten behandelt. Wenn Präsident Cárdenas kommt, lässt er sein Essen stehen, um sich mit ihm zu unterhalten. Aber auch wenn einer von uns kommt, lässt er sein Essen stehen, um mit uns zu sprechen.»
Nach fast 15 Jahren Kontakt mit Präsident Cárdenas schrieb Townsend eine Biographie dieses bemerkenswerten Staatsmannes. Er bewunderte den General sehr und meinte, dass seine Lebensgeschichte für viele Menschen eine Ermutigung sein und das Verständnis zwischen Völkern fördern könnte. Die Biographie wurde 1952 veröffentlicht. Nach dem Tod von Präsident Cárdenas im Jahr 1970 erweiterte Townsend die Biographie, die bis jetzt die einzige vollständige Biographie des hervorragenden mexikanischen Staatsmannes in englischer Sprache ist. Ramón Magsaysay, der Präsident der Philippinen, nahm die Menschen-orientierte Staatsführung von Cárdenas zum Vorbild für seine eigene Regierung, nachdem er die Biographie gelesen hatte.
Im Jahr 1944 war die Arbeit von SIL in Mexiko mit gut ausgebildetem Personal in vollem Gange. Aber im Herbst des Jahres wurde Townsend wegen einer Krankheit seiner Frau, die ihren Tod zur Folge hatte, nach Kalifornien gerufen. Niedergeschlagen, aber nicht gelähmt, ging er nach Mexiko zurück. Da kam eine Einladung der Regierung von Peru, eine Arbeit in diesem Land zu beginnen. Er fing sofort an, Pläne zu schmieden, um auch dieser Einladung nachzukommen. Im Jahr 1946 heiratete er Elaine Mielke eine ehemalige Schulinspektorin. Wenige Wochen später brachte das Ehepaar 20 junge Sprachforscher und Mitarbeiter zu ihrer Unterstützung nach Peru, um dort die Arbeit im Regenwald im Osten des Landes zu beginnen. Dort lebten 40 Indianervölker im tropischen Regenwald auf über 736'000 Quadratkilometern verstreut. Die meisten Dörfer waren nur auf dem Flussweg zu erreichen. Die Sprachen dieser Menschen waren noch nicht verschriftet, und niemand hatte sie bisher analysiert.
Nach einer sechswöchigen Erkundungsreise aus der Luft und auf dem Flussweg fingen Townsend und seine Mitarbeiter an, die enormen Probleme der Versorgung zu lösen, die es in dem unzugänglichen Urwaldgebiet gab. Zunächst musste ein zentral gelegenes Versorgungszentrum am Rand des Urwalds am Ufer des Yarinacocha-Sees errichtet werden. An diesem Ort sollten dann auch die ethnolinguistischen Forschungen durchgeführt werden. Zu Anfang schienen die Probleme unlösbar zu sein. Aber durch Freunde in den USA, Mexiko und Europa kam Hilfe. Um das Transportproblem zu lösen, finanzierten private Vereine und Freunde kleine Wasserflugzeuge, mit denen die Sprachforscher in weit entlegene Gegenden gebracht werden konnten. Sehr bemerkenswert war das Geschenk von mexikanischen Freunden an die peruanische Regierung für die Arbeit von SIL: ein zweimotoriges Amphibienflugzeug, das den Namen von Moisés Sáenz erhielt. Zwanzig Jahre lang ehrte es im peruanischen Amazonasgebiet das Andenken des mexikanischen Professors, der Townsend nach Mexiko eingeladen hatte.
Als die Resultate der Sprachforschung vorlagen, schuf die peruanische Regierung auf den Vorschlag von Townsend hin in Yarinacocha eine Schule, wo begabte Indianer zu Lehrern ausgebildet wurden. Danach sollten sie erst in ihrer Muttersprache und nach und nach auf Spanisch Grundschulunterricht in ihren Dörfern einführen. Die kleinen Wasserflugzeuge und die «Moisés Sáenz» brachten die Lehrerkandidaten von weit entfernten Flüssen und Seen nach Yarinacocha. Das Programm existiert noch heute mit einem peruanischen Rektor und peruanischen Lehrern, die auf Spanisch unterrichten. Die Sprachforscher von SIL bilden die Brücke zu den einheimischen Sprachen, indem sie die Ausbildung ergänzen durch Übersetzung schwieriger Teile der Vorlesungen und einiger Texte in diese Sprachen. Wenn die zukünftigen Lehrer hinreichend ausgebildet sind, werden sie von der Regierung im Rahmen eines besonders für sie geschaffenen zweisprachigen Schulsystems offiziell in ihren Dörfern eingesetzt und bekommen das Gehalt eines Dorfschullehrers.
Ein weiterer Traum Townsends war die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Ländern. Diese Zusammenarbeit wurde in wirksamer Weise durch das Geschenk eines Flugzeugs an eine Landesregierung erreicht. Durch wiederholte Besuche und seine ermutigende Art war es Townsend möglich, prominente Geschäftsleute und Beamte in verschiedenen Städten der U.S.A. dazu zu bewegen, kleine Flugzeuge, die auf kurzen Landepisten starten und landen können, einer Anzahl von Ländern, in denen Sprachforscher von SIL arbeiten, zu schenken. Jedes Flugzeug wurde durch den Bürgermeister der Stadt, die das Flugzeug finanziert hatte, dem Botschafter des betreffenden Landes übergeben. Diese Zeremonien wurden zum Anlass verstärkter internationaler Freundschaft und der Veröffentlichung gemeinsamer Ziele.
Inzwischen nahm die Ausbildung junger Menschen ihren Fortgang. Die Sprachforscher von SIL, die an mehreren hundert vorher ungeschriebenen Sprachen arbeiteten, erweckten die Aufmerksamkeit der akademischen Welt in vielen Ländern. Im Jahr 1942 hatte das Interesse einiger Universitäten der USA an den Erfahrungen von SIL soweit zugenommen, dass die Universität von Oklahoma SIL einlud, sich als Tochterorganisation der linguistischen Fakultät anzugliedern und Vorlesungen an der Universität zu halten. Ab 1952 wurden SIL-Sommerkurse auch an der Universität von North Dakota angeboten und schliesslich auch an den Universitäten von Washington in Seattle, von Texas in Arlington und von Oregon in Eugene. Weitere SIL-Kurse wurden in Australien, Kanada, England, Deutschland, Frankreich, Japan, Brasilien und der Republik von Südafrika eingerichtet. Nahezu 40'000 Studenten aus vielen Ländern haben bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts an SIL-Kursen ihre Ausbildung erhalten.
Die ansteigende Zahl der SIL-Sprachforscher und ihres Unterstützungspersonals haben es SIL ermöglicht, ihre Arbeit auf viele Länder auszudehnen. Die Zahl der Mitglieder ist inzwischen auf rund 6000 aus über 40 Heimatländern gestiegen. Die gut 1500 Sprachen, die (im Allgemeinen auf Einladung einer Regierung, einer Universität oder der Leitung einer Volksgruppe) von SIL erforscht werden oder erforscht worden sind, werden in über 70 Ländern gesprochen. Meist wird die Arbeit durch einen Vertrag über die Zusammenarbeit geregelt. Laufend erscheinen neue Resultate dieser Forschungsarbeit. Die letzte Bibliographische Datenbank der SIL enthält weit über 25'000 Einträge, von denen über 20'000 sich auf 1724 Sprachen beziehen. Etwas über die Hälfte wurde in der Muttersprache veröffentlicht und wurde für Sprecher und Leser dieser Sprachen abgefasst. Die andere Hälfte sind wissenschaftliche Bücher und Artikel, die entweder von oder mit SIL-Mitgliedern als Autoren oder Herausgebern erschienen sind.
In der SIL-Bibliographie finden sich drei wichtige Veröffentlichungen, die Townsends lebenslanges Interesse an der Rekonstruktion von Sprachfamilien wiederspiegelt. Die erste ist die Dissertation von Dr. Robert Longacre von SIL über das Proto-Mixtek in Mexiko, die von der Universität von Pennsylvania veröffentlicht wurde. Die zweite Arbeit ist die Dissertation von Dr. Sarah Gudschinski über die Rekonstruktion von Proto-Popotek, die Ursprache sowohl der Mixtek- als auch der Popoloka-Sprachfamilien von Mexiko. Die dritte Arbeit ist die Dissertation von Dr. Calvin Rench über das Proto-Otomangeanische, veröffentlicht von der Universität von Pennsylvania. Diese Arbeit gilt als ein Meilenstein der vergleichenden Sprachwissenschaft.
Townsend war der Mentor von Richard S. Pittman, der die gleiche Vision wie Townsend hatte. Im Jahr 1951 veröffentlichte Pittman einen kleinen Katalog aller damals bekannten Sprachen der Welt, den «Ethnologue». Dieser Katalog wird seither in Ausmass und Qualität laufend auf den neusten Stand gebracht. Die 14. Ausgabe mit 6809 Eintragungen wurde im Jahr 2000 von SIL veröffentlicht. Dieser Band versucht, die besten Informationen über alle Sprachen einschliesslich ausführlicher Angaben über Ort, Anzahl von Sprechern, und andere Namen für die gleiche Sprachgruppe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit 1996 ist der «Ethnologue» auch im Internet abrufbar und wird täglich von tausenden interessierten Personen konsultiert.
Townsend hielt Vorlesungen über Sprachwissenschaft an zwei der ältesten Universitäten der westlichen Halbkugel, der Universidad Nacional Autónoma de México und der Universidad Nacional Mayor de San Marcos von Peru. Im Jahr 1966 erhielt er die Doktorwürde honoris causa von der Universidad Mayor de San Marcos. Im Jahr 1972 verlieh der Siebente Interamerikanische Indianerkongress Townsend den Ehrentitel: «Wohltäter der sprachlich isolierten Bevölkerung von Amerika». Das Dokument wurde vom Generalsekretär der Organisation der Staaten Amerikas, Dr. Galo Plaza, unterzeichnet.
Seit vielen Jahren interessierte Townsend sich für das Gebiet des Kaukasus in der damaligen UdSSR, das einzigartig in der Vielfalt seiner Sprachen ist. Unter der Schirmherrschaft der Akademie der Wissenschaften der UdSSR reisten Townsend und seine Frau Elaine durch den ganzen Kaukasus wie auch durch andere Gebiete Russlands. Ihre Reisen ermöglichten viele Besuche pädagogischer wie auch sprachwissenschaftlicher Institutionen und waren die Grundlage für Townsends Buch: «They found a common language» (veröffentlicht in 1972 bei Harper and Row, New York, später auf Spanisch veröffentlicht durch den Sekretär für Bildung von Mexiko.) Townsends langjährige Erfahrungen in zweisprachigem Unterricht in Guatemala, Mexiko und allgemein in Südamerika brachten ihm weitreichende Anerkennung und Respekt, was dadurch sichtbar wurde, dass er eine Einladung erhielt, auf dem Kongress der UNESCO im Oktober 1972 in Turkmenia über zweisprachige Erziehung zu sprechen. Als Ergebnis seiner dortigen optimistischen Ausführungen lud der Präsident von Pakistan ihn und seine Frau im folgenden Jahr als offizielle Gäste seiner Regierung zu einer Konsultation ein, um mit Pädagogen über die schwierigen Probleme der Vielsprachigkeit in Pakistan zu sprechen.
Der Hinweis, dass Townsend in seiner langen Karriere nicht gerne in einem Büro sass, erübrigt sich fast. Gewöhnlich war er bei seinen Mitarbeitern, dort wo etwas geschah. Von 1917 bis 1934 war er in Guatemala zuhause, in Mexiko von 1935 bis 1946, in Peru von 1946 bis 1963 und in Kolumbien von 1963 bis 1968. Nach 1968 machte er mit seiner Frau Elaine von North Carolina aus elf Reisen in das Gebiet der UdSSR.
Trotzdem fand er noch Zeit zum Schreiben. Wie bereits erwähnt, war sein erstes Buch die Biographie des Generals Lázaro Cárdenas von Mexiko (1952). Dies Buch beschreibt die grossen sozialen Umbrüche, die während der Zeit stattfanden, als Cárdenas Präsident war. Towsends Interesse an der sozialen Entwicklung Mexikos inspirierte ihn zum Schreiben. Seine kleinen Schriften wie «The Truth About Mexicos Oil» (1940, 86 Seiten) befassen sich mehr mit populären Themen; auch schrieb er viele Artikel für die Presse. Seine weiteren Veröffentlichungen sind in der folgenden Bibliographie angegeben.
Townsend verkörperte eine ungewöhnliche Verbindung von Idealist und erdverbundenem Sozialarbeiter -- eine Mischung, die selbst seine Freunde immer wieder in Staunen versetzte und seine Gegner durcheinander brachte. In dem, was er sich vorgenommen hatte, war er erfolgreich, und diese Erfolge brachten ihm internationale Anerkennung. Allerdings schrieb er die Erfolge nicht sich selbst zu, sondern der Allmacht Gottes, von dem er sich angesichts der Nöte dieser Welt ständig neue Kraft erbat.
Bibliographic listing of Townsend's major publications
"Cartilla en idioma náhuatl de Tetelcingo." Investigaciones Lingüísticas (suplemento escolar). 48 pp. México, 1935.
"Lecciones sencillas para aprender a leer (castellano)." 48 pp. Departamento de Trabajo, México, 1936.
"Cuestionario lingüístico: parte morfológica." Investigaciones Lingüísticas 4:2-11. México, 1937.
"Comparaciones morfológicas entre cakchiquel y náhuatl." Investigaciones Lingüísticas 4:324-31. México, 1937.
The Truth About Mexico's Oil. [Booklet] 86 pp. Mexico, 1940.
"El Instituto Lingüístico de Verano." Boletín Indigenista 4:46-53. México: Instituto Indigenista Interamericano, March 1944.
"El aspecto romántico de la investicación lingüística." Perú Indigena 19-43. Lima: Instituto Indigenista Peruano, 1949. Repub. Boletín Indigenista 0:176-85. June 1950.
"Lazaro Cardenas, farmer general of Mexico." Farmer's Magazine 47:9-16.July 1950
Lázaro Cárdenas: Mexican democrat. xvi, 379 pp. Ann Arbor, Mich.: George Wahr 1952. rev. ed. (1979)
"Lázaro Cárdenas el indigenista." Perú Indigena 3:193-203. Dec. 1952.
Lecciones sencillas para aprender a leer el Cakchiquel . Instituto Indigenista Nacional,18. 2d ed. 34 pp. Ministerio de Educación Pública, Guatemala, 1954.
"Informe sobre las esecuelas bilingües y la obra del Instituto Lingüístico de Verano." Perú Indigena 5:13:167-70. Dec. 1954.
Lázaro Cárdenas: Demócrata mexicano. Tr. Avelino Ramírez A. xvii, 380 pp. México: Biografías Gandesa, 1954. rev. ed. (1976)
"The psychophonemic method of teaching to read." América Indigena 16:123-32. Instituto Indigenista Interamerican, México, April 1956.
"El método psicofonémico de alfabetización como se usa en las escuelas bilingües del Ministerio de Educación del Perú." Estudios antropológicos publicados en homenaje al doctor Manuel Gamio , pp. 685-92. México, 1956.
"Cakchiquel grammar." Mayan Studies 1, pp. 1-79, Norman, Okla: SIL, 1960.
"El papel de la lingüística en la obra indigenista." Homenaje a Juan Comas en su 65 aniversario, vol. l, pp. 173-76. Mexico, 1965.
They found a common language: Community through bilingual education. xiii, 124 pp. New York: Harper & Row, 1972.
The USSR as we saw it, from Armenia to Russia . 64 pp. Waxhaw, N.C.: International Friendship, 1975.
A handbook of homophones of general American English. ix, 121 pp.: Waxhaw, N.C.: International Friendship, 1975.
July 2000
Compiled by Calvin T. Hibbard, Townsend Archives
