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Spracherkundung live

Zur Zeit sind ein paar von meinen Kollegen daran ein neues Handbuch für Spracherkundung zusammenzustellen. Alle Surveyer weltweit sind gebeten lehrreiche und überraschende Anekdoten beizutragen. Hier ist ein Beitrag aus Südostasien:“Manchmal passiert es, dass eine Sprachgruppe noch nie darüber nachgedacht hat, wie sie als Gruppe überhaupt heisst.”

Ist auch wirklich eine gar nicht so einfache Frage, wenn man sich das so überlegt. Was würdest Du antworten? Als was identifizierst Du Dich zuerst? Als Deutsche? Oder Schwabe? Österreicherin? Deutschschweizer? Berlinerin? Russland-Deutscher?

Wie auch immer, auch bei den Roma in meiner Gegend wissen zwar alle, dass sie Roma sind, oft aber nicht, zu welcher Untergruppe sie gehören. Wissenschaftler gingen bisher aber davon aus, dass jeder Roma seine eigene Gruppe sehr gut von anderen abgrenzen kann und dass er genau weiss zu welcher Untergruppe (z. Bsp. Kalderasch, Lovari, Sinti) er gehört. Offenbar kann man das aber nicht so pauschal sagen.

Nun zurück zum Bericht aus Südostasien: “Auf einem Survey in einer abgelegenen Gegend löste die Frage “Was ist der Name für eure Volksgruppe?” regelrecht Panik aus. Die Dorf-Chefs beriefen sofort eine Versammlung ein, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Jedes Individuum hatte eine andere Idee, wie die Volksgruppe genannt werden sollte, und es konnte kein Konsensus erreicht werden bis das Survey-Team wieder weiter musste.”

Ich erhalte immer wieder tolle Listen mit Gruppennamen, bei jedem Namen aber mit dem Kommentar: “Das sind wir hier aber eben gerade nicht.” - Manchmal ringen meine Informanten sehr mit dieser Frage und überlegen hin und her: “Hm, vielleicht sind wir ein bisschen wie die. Oder vielleicht doch wie die anderen?” - Manchmal geschieht es, dass meine Frage mit dem Aufschrei: “Das wüssten wir selber auch gerne!” quittiert wird. - Auch nicht selten wird die Frage “Wie nennt man euch alle hier?” auch schlicht mit dem Familiennamen beantwortet… - In einem Fall hat ein Roma-Lehrer im Schulbuch nachgeschaut, um herauszufinden, zu welcher Roma-Untergruppe die Leute in seinem Dorf wohl gehören.

In allen diesen Fällen versuche ich möglichst schnell zu einer anderen Frage überzuleiten, dann ich will ja nicht, dass sich meine Gesprächspartner doof vorkommen oder die nächste Nacht nicht schlafen können, weil ich ihnen so ein schwieriges Rätsel aufgegeben habe.

Aus Südoastasien noch eine Begebenheit: “Auf einem anderen Survey beschwörte die Frage nach der Bedeutung des Gruppennamens eine grosse Uneinigkeit herauf. Die Dorfvorsteher erklärten dem Survey-Team, woher ihr Name kommt und wie er zu verstehen ist. Das Survey-Team reiste weiter. Nachdem die Dorf-Chefs aber weiter über das Thema nachgedacht hatten, kamen sie zu einem anderen Schluss und machten sich auf, um dem Survey-Team die korrigierte Version mitzuteilen. Sie mussten über vier Tage wandern, um das Survey-Team einzuholen. Das war es ihnen aber wert.”

Von wyzone.net

Identität und sozialer Friede

Die Sprachen sind grundlegend notwendig – sowohl für die Identität der Gruppen und Individuen, als auch für ihr friedliches Nebeneinander.

Koïchiro Matsuura, General Director der UNESCO