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Textanalyse Fortsetzung

Eine Übersetzungsberaterin erzählt aus ihrem Alltag – drei Beispiele:

In einem Textanalyse-Kurs in Afrika mussten die Teilnehmer Fabeln oder andere Erzählungen in ihrer Sprache in Tabellen auslegen, damit man genau sehen konnte, welche „Bausteine“ eine Sprache braucht, um einen Text aufzubauen.  Ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir im Schweizerdeutschen beim Geschichtenerzählen „und dänn“ als bindendes Glied zwischen den Sätzen brauchen? Nach einer Analyse des Schweizerdeutschen verstand ich endlich, warum der Lehrer in der Schule mir beim Aufsatzschreiben jeweils „und dann“ strich! Im Hochdeutschen braucht man das eben nicht!

 

Einleitung

Hilfsverb

Subjekt/wer

Objekt/Ort

Verb

Anderes

1

Letschdi Wuche

mer

 

wele

 

1b

 

go

 

es Visum

poschte

 

2

Und dänn

hät

dä Larry

 

gsait

……

3

Und dänn

si

mer

is Büro

ggange

 

3b

und

händ

 

eusi Underlage

abgäh

 

4

Und dänn

händs

 

eus

gsait

…….

5

Dänn

mer

das

au gmacht

 

5b

und dänn

chunt

de Chef

 

und sait

……

Ein anderes Beispiel ist der Aufbau von Anleitungen: Bei uns braucht man in der geschriebenen Sprache die Grundform des Verbs: 200 Gramm Butter und 200 Gramm Zucker schaumig schlagen, 3 Eier darunter ziehen etc.  In vielen Sprachen braucht man aber bei einer Anleitung die Du-Form: Wenn du eine Matte machen willst, gehst du zum Bach, du schneidest die langen Gräser. Wenn du sie geschnitten hast, zerteilst du sie der Länge nach. Du legst sie aus zum Trocknen etc.

Beim Übersetzen ist es somit wichtig, dass man nicht einfach die Worte übersetzt, sondern auch den richtigen Stil gebraucht. Am Ende dieses Kurses hat deshalb eine Teilnehmerin ganz begeistert ihre Hygiene- und Heilpflanzenbüchlein neu überarbeitet. Nun wissen die Leute, dass diese Büchlein Gebrauchsanweisungen sind!

Ein weiteres Beispiel zeigt, wie wichtig die Textanalyse beim Übersetzen der Bibel ist:

1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Die Erde war noch leer und öde, Dunkel bedeckte sie und wogendes Wasser, und über den Fluten schwebte Gottes Geist. 3 Da sprach Gott: „Licht entstehe!“ und das Licht strahlte auf. 4 Und Gott sah das Licht an: es war gut. Dann trennte Gott das Licht von der Dunkelheit 5 und nannte das Licht Tag, die Dunkelheit Nacht. Es wurde Abend und wieder Morgen: der erste Tag. 6 Dann sprach Gott: „Im Wasser soll ein Gewölbe entstehen, eine Scheidewand zwischen den Wasser-massen!“ 7 So geschah es: Gott machte ein Gewölbe und trennte so das Wasser unter dem Gewölbe von dem Wasser, das darüber war. 8 Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und wieder Morgen: der zweite Tag.

 

Als wir 1. Mose 1 auf Daba* übersetzt hatten und den Text vorlasen, meinte eine Frau bei Vers 6 oder 7: „Wie viele Götter waren denn da aktiv in der Schöpfung? Ich dachte es sei nur einer.“

Dank der Textanalyse realisierten wir, dass man auf Daba, solange man von der gleichen Person spricht, immer nur das Pronomen er benützt. Sobald man einen Namen sagt, wird daraus geschlossen (mit wenigen speziellen Ausnahmen), dass man jetzt von einer anderen Person spricht. So war die Frau verwirrt, weil der Name „Gott“ immer wieder vorkam, und sie zog den Schluss, dass es sich in dem Fall um verschiedene Götter handeln müsse.

 

 

*Daba: Eine Sprache, die in Nordkamerun gesprochen wird.

 

Verschiedenheit ist ein Schatz

«Die Verschiedenheit einer multi-ethnischen Gesellschaft ist ein Schatz, der genutzt werden muss, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern.»

Dr. Sheldon Schaeffer, UNESCO Bangkok