Wie Luther übersetzt hat

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über

Christus spricht: Ex abundantia cordis os loquitur. Soll ich den Eseln folgen, werden sie mir die Buchstaben vorlegen und so dolmetschen: Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund. Aber sage mir, ist das deutsch geredet? Welcher Deutsche versteht solches? Was ist Überfluss des Herzens für ein Ding? Wollte er sagen, es bedeute, dass einer ein allzu gross Herz habe oder zuviel Herz habe; wiewohl das auch noch nicht recht ist, denn Überfluss des Herzens ist kein Deutsch, so wenig als das Deutsch ist: Überfluss des Hauses, Überfluss des Kachelofens, Überfluss der Bank, sondern so redet die Mutter im Haus und der gemeine Mann: Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über.
Quelle: Martin Luther: Sendbrief zum Dolmetschen

Du liebe Maria!

Item, da der Engel Maria grüsset und spricht: Gegrüsset seist du, Maria voll Gnaden, der Herr mit dir. Nun, so ist's einfach dem lateinischen Buchstaben nach verdeutscht. Sage mir aber: Wo redet der deutsche Mann so: Du bist voll Gnaden? Und welcher Deutsche versteht, was das heisst: voll Gnaden? Er muss denken an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes; darum hab ich's verdeutscht: Du Holdselige, worunter ein Deutscher sich sehr viel eher vorstellen kann, was der Engel meinet mit seinem Gruss. Aber hier wollen die Papisten toll werden über mich, dass ich den engelischen Gruss verderbet habe, wiewohl ich dennoch damit nicht das beste Deutsch habe troffen. Und hätte ich hier das beste Deutsch genommen haben und den Gruss so verdeutscht: Gott grüsse dich, du liebe Maria (denn soviel will der Engel sagen, und so würde er geredet haben, wenn er sie deutsch hätte grüssen wollen), ich glaube, sie würden sich wohl selbst erhängt haben vor übergrossem Eifer um die liebe Maria, dass ich den Gruss so zunichte gemacht hätte.… Ich will aber sagen: du holdselige Maria, du liebe Maria, und lasse sie sagen: du voll Gnaden Maria. Wer Deutsch kann, der weiss, welch ein zu Herzen gehendes, fein Wort das ist: die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Kaiser, der liebe Fürst, der liebe Mann, das liebe Kind. Und ich weiss nicht, ob man das Wort liebe auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen ausdrücken kann, das ebenso dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne, wie es tut in unser Sprache.
Quelle: Martin Luther: Sendbrief zum Dolmetschen

Es ist schade um die Salbe!

In Markus 14,4 sagt der Verräter Judas: Ut quid perditio ista unguenti facta est? Folge ich den Eseln und Buchstabilisten, so muss ich's so verdeutschen: Warum ist diese Verlierung der Salben geschehen? Was ist aber das für Deutsch? Welcher Deutsche redet so: Verlierung der Salben ist geschehen? Und wenn er's recht verstehet, so denkt er, die Salbe sei verloren und er müsse sie wohl wieder suchen, wiewohl das auch noch dunkel und ungewiss lautet. …Nein, es ist schade um die Salbe — das ist gutes Deutsch!
Quelle: Martin Luther: Sendbrief zum Dolmetschen

Schmalz und Fett

Psalm 63,6 würde in wörtlicher Wiedergabe des Hebräischen etwa lauten: Lass meine Seele satt werden an Schmalz und an Fettem. Es war Luther klar, dass Schmalz und Fett für den Orientalen Freude und Wohlergehen symbolisieren. So schrieb er zu dieser Stelle: »Weil solches kein Deutscher versteht, haben wir lassen fahren die hebräischen Worte Schmalz und Fett und haben klar deutsch gegeben also: Das wäre meines Herzens Freude und Wonne, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben sollte. Denn solches ist doch des Davids Meinung.«
Quelle: Andreas Holzhausen: Bibel statt Babel. Brendow-Verlag, 1992.