Warum lesen und schreiben lernen?
Antworten aus einem Dorf in Benin (Mbelime-Volksgruppe)
Jean
Jean (29) ist nie zur Schule gegangen. Aber er will mehr über seine Sprache wissen. Sie nur zu sprechen ist ihm nicht genug. Er denkt bereits an die Zukunft, wenn die Bibel in Mbelime erhältlich sein wird. Er möchte sie nicht nur für sich selber lesen können, sondern sie auch anderen vorlesen und erklären. Darum besucht er seit Kurzem eine Leseklasse.
Wer nie zur Schule gegangen ist, sollte es zweifellos wie Jean machen. Aber wenn jemand in der Schule bereits französisch lesen gelernt hat – würde das nicht genügen? Mbelime ist ja mit seinen gut 30’000 Sprechern keine bedeutende Sprache. Claire und Bienvenu sind da ganz anderer Meinung.
Claire
1994 nahm Claire an einem Anlass teil, an dem eine Frau auf Mbelime vorlas. Die Frau war wie Jean nie zur Schule gegangen, konnte aber sehr gut lesen! Claire war total erstaunt und fragte sie nachher, ob sie denn auch Mbelime schreiben könne. Die positive Antwort wurde durch einen Brief bewiesen, den Claire bald von der Frau erhielt. Nun versuchte Claire den Brief zu entziffern. Obwohl sie schriftliches Französisch gut beherrscht, scheiterte sie an ihrer eigenen Sprache kläglich. Das war für Claire genug, um sich zu entscheiden, die Mbelime-Orthographie zu lernen, die sich deutlich von der französischen unterscheidet. Dies hat ihr keine Mühe bereitet. Heute schreibt Claire verschiedenen Freunden und Verwandten regelmässig Briefe auf Mbelime.
Bienvenu
So lange sich Bienvenu (links im Bild) erinnern kann, liebte er seine Sprache, das Mbelime. 1985, während er noch zur Schule ging, entschied sich sein Vater (rechts), der selber nie zur Schule gegangen war, Mbelime lesen und schreiben zu lernen. Jeweils am Abend setzten sich Vater und Sohn zusammen, um ihre Hausaufgaben zu machen. Bienvenu erkannte dabei, dass es für ihn wohl nicht sehr schwierig sei, selber Mbelime lesen zu lernen, da viele der Buchstaben gleich sind wie im Französischen. Bald beherrschte er das Lesen und Schreiben der Sprache, die er so liebt. Einige Jahre später entschied sich Bienvenu, sich zum Leselehrer ausbilden zu lassen, so dass er sein Wissen weitervermitteln konnte.

