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Mama Jeanette liest ihr erstes Wort

Ich betrat das Klassenzimmer und nahm in der hinteren Bank des stickigen, heissen Raums Platz. Die Lehrerin forderte die Klasse auf, an die Tafel zu schauen und ihr nachzusprechen. Unermüdlich ging sie eine Aufgabe nach der anderen durch und wiederholte die ganze Lektion mehrmals. Mit einem langen Stock zeigte sie auf die verschiedenen Silben. Sechzehn aufmerksame Augenpaare waren auf die Lehrerin gerichtet, sechzehn Erwachsene kämpften sichtlich mit der einen grossen Frage: «Was soll das nur alles bedeuten?»

Ich konnte die Spannung im Raum spüren: Die gezähmten Pferdestärken der Motoren, die sich noch im Leerlauf befanden, wollten vorwärts preschen, wussten aber weder wie noch wohin. Schweiss sammelte sich auf der Stirn einer Frau, während sie versuchte, Silbe für Silbe zu einem Wort zusammen zu fügen. Sie zögerte vor jeder Silbe, verglich die Buchstaben mit dem Schlüsselwort der Lektion, ersetzte einen Buchstaben durch einen anderen. War das ein K oder ein L? Ich konnte ihre Anspannung fühlen. Meine Arme und Beine verkrampften sich. Ich rutschte auf der Bank nach vorne und wartete gespannt auf diesen einen entscheidenden Augenblick, in dem sie das Wort lesen und dessen Bedeutung verstehen würde.

Bei jedem Schüler kommt der Zeitpunkt anders, kann weder vorhergesagt noch kontrolliert werden – dieser einzigartige Moment, wenn das Konzept davon, was Lesen bedeutet, in einem Lichtblitz geistiger Chemie geboren wird, mitten in das Herz des Verständnisses trifft und Körper und Seele des Lernenden durchdringt. In diesem Moment wird die Sache begriffen, ein für alle mal.

Die Wände aus Lehmziegeln und das dünne Blechdach, das zusätzliche Wärme erzeugt, warten ebenso gebannt. Nicht einmal ein Hahn kräht. Die Stille kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Ein alter Mann, der neben der Frau sitzt, nimmt seine Brille ab und streckt sie der Nachbarin hilfsbereit entgegen. Ihre Konzentration macht mich nervös. Was, wenn die Fibel und die monatelange harte Arbeit nicht genügen? Was, wenn unsere Unterrichtsmethode nicht funktioniert?

Aufmunternde Worte der Lehrerin unterbrechen die Stille: «Mama Jeannette, du kannst dieses Wort lesen. Komm, lies es uns vor.» Der Gesichtsausdruck von Mama Jeannette verändert sich, sie lächelt in verlegener Höflichkeit und liest das Wort mit kaum mehr als einem Flüstern: «Ke…le». Ein Hauch von Erstaunen  kommt auf ihr Gesicht. Sie liest es noch einmal: «Kele». Sie deutet mit dem Finger auf das Wort und zeigt es mit einem breiten Grinsen dem Mann neben sich. «KELE!» (sein), ruft sie. Sie springt von der Bank, wiederholt es immer und immer wieder, sie bildet einen Satz mit diesem Wort darin und lacht: «Mu kele awa!» (Ich bin hier!) Sie borgt sich die Brille, öffnet die Fibel erneut und liest die ganze Geschichte. Der Text dieser Lektion besteht nur aus einigen wenigen Sätzen, aber für sie öffnet sich die Weite eines ganzen Romans! Die Klasse applaudiert, und mir kommen die Tränen. Ich wurde Zeugin, wie in Mama Jeannette das Lesen geboren wurde.

(von Ilene Foote, Kongo)

Gemeinsam können wir es

 Gemeinsam können wir das Analphabetentum in Afrika reduzieren.

Gédéon Tatchum Noussi, Alphabetisierungskoordinator Nordkamerun